Okinawa-Karate mit Walter Rechel

Bild 1: Spartenleiter Belal Chahrour verfolgt die Ausführungen von Walter Rechel gut gelaunt und aufmerksam.
Bild 1: Spartenleiter Belal Chahrour verfolgt die Ausführungen von Walter Rechel gut gelaunt und aufmerksam.

Am 22.08. fand in Schauenburg-Hoof ein besonderer Karatelehrgang mit Walter Rechel (8. Dan) statt. Vom SV Rot-Weiß Kassel e.V. nahmen Trainer Volker Vogel und Spartenleiter Belal Chahrour teil. Rechel nahm die Teilnehmer mit auf die Spuren des Okinawa-Karate und vermittelte interessante Einblicke in dessen Geschichte und Prinzipien.

Dabei zeigte er auf, wie sich die Kampfkunst durch kulturelle Einflüsse und die jeweilige Kleidung entwickelt hat. Ein Beispiel dafür sind die Wurzeln des Karate in China, bevor es nach Okinawa gelangte. In China trugen die Menschen eng anliegende Hosen, die hohe Tritte ermöglichten. Die traditionelle Kleidung auf Okinawa hingegen war weiter geschnitten und schränkte hohe Tritte ein. Daher finden sich im Okinawa-Karate viele Tritttechniken im Gedan-Bereich, also unterhalb der Gürtellinie.

Die Bunkai-Prinzipien des Okinawa-Karate verdeutlichen, dass sich hinter bekannten Techniken oft weit mehr verbirgt, als man auf den ersten Blick vermutet.

So kennen die meisten Shotokan-Karateka den Shuto-Uke als Verteidigungstechnik gegen einen Fauststoß, bei der man im Idealfall zur Seite ausweicht. Rechel zeigte jedoch exemplarisch, dass der Shuto-Uke deutlich mehr Möglichkeiten bietet. Die ausholende Hand kann beispielsweise genutzt werden, um die Daumenkapsel des Angreifers anzugreifen und dessen Faust dadurch funktionsunfähig zu machen. Jeder Karateka, der schon einmal einen Treffer gegen die Daumenkapsel erhalten hat, kennt den starken Schmerz und die eingeschränkte Beweglichkeit der Hand. Gleichzeitig kann die ausgestreckte offene Hand als Angriff gegen die Augen eingesetzt werden, um dem Gegner die Sicht und damit seine Handlungsmöglichkeiten zu nehmen.

Die Okinawa-Prinzipien legen dabei einen stärkeren Fokus auf die praxisbezogene Selbstverteidigung als auf den sportlichen Wettkampf, wie er im Shotokan-Karate, insbesondere im Kumite, verbreitet ist.

Ein weiteres Beispiel ist die Art des Blockens. Während im Shotokan viele Techniken mit der vorderen Hand ausgeführt werden, erfolgt die Abwehr im Okinawa-Karate häufig mit der hinteren Hand, da die vordere Hand bereits näher am Gegner positioniert ist und für andere Aktionen genutzt werden kann.

Oft wird im Shotokan das Hikite auf das bloße Zurückziehen der Hand reduziert. Aus der Perspektive des Okinawa-Karate bedeutet Hikite jedoch das Greifen, Ziehen und Kontrollieren des Gegners. Durch Hikite wird ein Angreifer destabilisiert und gleichzeitig so kontrolliert, dass weitere Techniken deutlich effektiver angewendet werden können. Diese Sichtweise erweitert das Verständnis von Hikite erheblich und geht weit über das reine Zurückziehen der Hand hinaus.

Ein weiteres Prinzip besagt, dass derjenige, der den Kopf kontrolliert, auch die Kontrolle über seinen Gegner besitzt. Je nach körperlicher Verfassung des Angreifers können Schläge gegen den Oberkörper nur eine geringe Wirkung entfalten, insbesondere wenn dieser über eine ausgeprägte Muskulatur verfügt. Der Kopf hingegen lässt sich weder gezielt abhärten noch durch Muskeln schützen. Deshalb richten sich viele Techniken des Okinawa-Karate auf Kopf, Hals und Intimbereich.

Ein weiterer Unterschied zeigt sich bei der Ausführung von Kata. Im Shotokan wird häufig Wert darauf gelegt, eine Kata möglichst auf gleichbleibender Höhe auszuführen. Im Okinawa-Karate ist es hingegen völlig normal, die Höhe während der Ausführung zu verändern. Dies erscheint nachvollziehbar, wenn man berücksichtigt, dass Menschen unterschiedliche körperliche Voraussetzungen und Größen mitbringen.

Ashi-Fumikae, die Bedeutung der Zwischenbewegung bei Blocktechniken, ermöglicht einem Karateka zudem effektives Handeln auch auf engem Raum. Wer Ashi-Fumikae beherrscht, kann durch schnelle und überraschende Bewegungen einen Angreifer aus dem Gleichgewicht bringen und überwältigen. Diese Technik hilft dabei, eine der größten Schwächen vieler Karateka zu kompensieren: den Nahkampf. Viele Karateka trainieren überwiegend auf mittlere und weite Distanz. Kommt es jedoch zum Infight, geraten viele an ihre Grenzen. Genau hier setzen die Zwischenbewegungen des Ashi-Fumikae an und können diese Lücke schließen.

Dieser Lehrgang zeigte eindrucksvoll, dass bekannte Techniken, aus einer anderen Perspektive betrachtet, ein ganz neues Potenzial entfalten können. Der aufmerksame und interessierte Karateka erkennt, dass sich hinter jeder Bewegung eine wirkungsvolle Anwendung verbirgt und jede Technik im Karate einen Sinn hat. Gerade deshalb war dieser Lehrgang besonders spannend und lehrreich. Es gab viel zu entdecken, was dem Karate-Auge zuvor möglicherweise verborgen geblieben war.

Bild 1: Spartenleiter Belal Chahrour verfolgt die Ausführungen von Walter Rechel gut gelaunt und aufmerksam.
Bild 1: Spartenleiter Belal Chahrour verfolgt die Ausführungen von Walter Rechel gut gelaunt und aufmerksam.
Bild 2: Von links: Belal Chahrour, Walter Rechel und Volker Vogel beim Lehrgang.
Bild 2: Von links: Belal Chahrour, Walter Rechel und Volker Vogel beim Lehrgang.